Beseelte Psychotherapie - beseelte Lebensführung - als Kernprozess integraler Humanentwicklung

Zur schulenübergreifenden Reflektion der Förderung menschlicher Lebenskunst und Bewusstseinsentwicklung in Lehre, Beratung, Therapie und Coaching.

aus Projektskizzen 2009-0501/0521 [kursiv=dp]

Prolog

Die Neubelebung der begrifflichen Landschaft um „transpersonale“ und „integrale“ Konzepte, die mit der von Joachim Galuska (seit mindestens 2003) vorgeschlagenen Auffassung von der Seele eingeleitet wurde, fand einen ersten Kristallisationsfaden in der Seminarreihe „beseelte Psychotherapie“ der Akademie Heiligenfeld, die erstmalig 2007 und 2008 durchgeführt wurde und seitdem mit offenem Ende weiter läuft. Hier findet eine fruchtbare Begegnung zwischen großen geistigen Traditionen und konkreter beratender oder therapeutischer Praxis in einem breiten Kreis von Menschen unterschiedlicher professioneller und ‚konfessioneller' Provenienz statt. Über Psychotherapie heraus wurden Grundzüge einer beseelten Lebensführung sichtbar, zur ‚Seele' gesellte sich bald der ‚Geist' - sichtbar in den Titeln der letztjährigen heiligenfelder Kongresse, in denen es darum ging, wie Medizinsystem, Wirtschaft und Gesellschaft von Geist und Seele durchdrungen oder aus einer Verankerung in Geist und Seele heraus gestaltet werden können. In diesem Aufsatz sollen die aus Sicht des Autors essenziellen Merkmale des sich hier manifestierenden Paradigmas dargestellt werden, dem - so meine ich - das Potenzial innewohnt, eine Reflektion der Praxis von Therapie, Beratung, Coaching (und anderer Formen einer Förderung der Entwicklung menschlicher Individuen und Gemeinschaften) in einer Metasprache zu inspirieren, welche die immer wieder auftauchenden Grenzen von Fachrichtungen, Schulen und Markennamen überschreiten könnte.

1. Zur Bedeutung des Begriffs „Seele“

Das hier beschriebene Seelenverständnis ist mehrschichtig, seine Bedeutung erschließt sich bei unbefangener Annäherung an das Thema entsprechend schrittweise. Veranstaltungstitel wie „Beseelte Psychotherapie“ oder „Wirtschaften mit Geist und Seele“ sprechen zunächst einmal Menschen an, die darüber besorgt sind, dass wesentliche Systeme oder Institutionen unserer Kultur sich zu sehr an äußerlichen, materiellen Gegebenheiten ausrichten und die Dimension des Inneren, des Mitmenschlichen, des Emotionalen oder des Subjektiven dem gegenüber zu vergessen drohen. Hier erscheint das ‚Seelische', vorläufig als Sammelbegriff für die letztgenannten Qualitäten verstanden, wie eine ‚weiche' Zutat zu den ‚harten' Tatsachen des Lebens, deren Weglassen nicht nur (wie beim Brotaufstrich) Lebensqualität mindert, sondern durchaus hier und da (wie beim Motorenöl) die Funktion des Ganzen bedroht, deren Hinzufügung also dringend wieder geboten ist.

In diesem Sinne reicht der Ruf nach einer beseelten Psychotherapie und Medizin historisch schon recht weit zurück. Horst Eberhard Richter verdanke ich den Hinweis auf eine Äußerung Victor von Weizsäckers in dessen erstem Lehrbuch der Psychosomatik 1941, wo dieser geschrieben habe: 

Die Anwendung der Psychologie bleibt seelenlos, wenn sie in kein Gespräch eingeschlossen ist, und es gibt auch eine Psychiatrie ohne Seele, eine Innere Medizin ohne Inneres. Doch ohne das Innere gibt es auch jenseits der Heilkunde nicht die menschlichen Bindungen, die unsere sozialen Beziehungen erst tragfähig machen. (von Weizsäcker 1941, zit. bei Richter 2009, Min. 26:35ff)

Auf der Suche nach konkreten Merkmalen und Verhaltensweisen, die uns helfen, das vernachlässigte Seelische wieder zu stärken, erscheint also als erster, tatsächlich wesentlicher Zugang das menschliche Gespräch, die menschliche Beziehung, die menschliche Bindung. So ist es folgerichtig, dass mir, der nicht Arzt, sondern Psychologe ist und nicht in den dreißiger und vierziger, sondern in den sechziger und siebziger Jahren groß wurde, die von Weizsäcker vertretene Argumentation in Gestalt des klientenzentrierten Ansatzes von Carl Rogers und generell in der an menschlichem Wachstum und menschlicher Begegnung ausgerichteten ‚humanistischen Psychologie' begegnete.

Auf die humanistischen Psychologie folgte, wie wir wissen, die Transpersonale Psychologie (mit expliziter Einbeziehung spiritueller Erfahrungen und Traditionen in die wissenschaftliche Reflektion), aus dieser heraus entwickelte Ken Wilber seine heute weit verbreitete integrale Betrachtungsweise. Auch diese sagt auf den ersten Blick so etwas wie: ‚Passt auf, Leute, es gibt nicht nur eine Außenseite, sondern auch eine Innenseite der Dinge, und zugleich haben alle Phänomene nicht nur eine individuelle, sondern auch eine kollektive oder gesellschaftliche Seite' und dient damit schon vielen Menschen als wertvolle Orientierung bei der Entwicklung einer ganzheitlichen Lebensgestaltung in welchem Bereich auch immer.

Der zweite Blick sagt dann: ‚und neben diesen vier Dimensionen („All Quadrants“) gibt es eine ganze Reihe von Entwicklungsebenen („All Levels“) aus denen alle Erscheinungen, so auch die menschlichen Institutionen und das menschliche Bewusstsein, hervorgegangen sind - und die bei einer ganzheitlichen Betrachtungsweise, die diesen Namen verdient, ebenfalls berücksichtigt werden müssen.' Aus dem letzt genannten folgt dann bekanntlich der Sprung ins Transpersonale: Das gesunde Ich-Bewusstsein, Entwicklungsziel aller herkömmlichen Psychotherapie, ist nicht das Ende der Evolution, sondern neigt dazu, sich in eine über-persönliche, spirituelle Bewusstheit hinein weiter zu entfalten (zu erweitern und zu vertiefen).

Beim Übergang von einer personalen zu einer trans-personalen und von einer rationalen zu einer trans-rationalen Betrachtungsweise nun rückt auch eine ganz andere Betrachtung des Seelischen in den Bereich des Möglichen, die so poetisch wie präzise von Joachim Galuska auf den Begriff gebracht wird:

Das Unbekannte und Absolute wandelt sich also in das individuelle und persönliche Leben. Leere wandelt sich in Form und Form wandelt sich wieder in Leere. Die Struktur dieses Wandlungsprozesses von Leere in Form und von Form in Leere nenne ich die Seele (Galuska 2003c). Die Seele ist die individuelle Art und Weise, wie das Absolute sich manifestiert und allem Erlebten seine Gestalt gibt. Sie ist es, die alles so erscheinen lässt wie es ist. sie ist sozusagen der Wandlungsprozess des Absoluten und Unbekannten in das gegenwärtige individuelle Leben. Ihre Struktur, ihre Eigenart bewirkt die jeweilige Einzigartigkeit und Besonderheit jedes individuellen Lebewesens. Sie ist so etwas wie die Grundstruktur unseres Lebens und Erlebens. Wenn wir sie spüren und erkennen, spüren wir unsere Lebendigkeit und das Leben in uns, unsere Präsenz und unsere Gegenwärtigkeit, unsere Tiefe und unsere Oberfläche, unsere Transparenz für das Unbekannte und Göttliche und für das Persönliche und Weltliche, unsere innere Freiheit und unsere innere Weite, unsere Grundwerte und unsere wesentlichen Anliegen, unsere Offenheit und unser Verbundensein, unsere Kraft und unsere Verletzlichkeit, unser Licht und unseren Schatten, unser Strahlen und unser Verlöschen. Mit unserer Seele spüren wir unser Wesen, unsere Essenz, unseren innersten Kern, unser wahres Selbst, uns selbst. (Galuska 2006, S. 65)

In diesem Sinne ist ein Wahrnehmen und Handeln ‚von der Seele her' mehr als Schmieröl an den Härtestellen des Lebens, auch mehr als die Hinzufügung einer verlorenen oder unterdrückten Hälfte - es ist die Hineinnahme einer Tiefendimension in Gegebenheiten, die bisher nur an der Oberfläche betrachtet wurden. (vgl. Rilke „Ist es möglich?“; vgl. Gebser)

>Zur Einordnung der bisher additiv genannten Strebungen vor dem Hintergrund dieser transpersonalen Sichtweise vgl. Hundt: der transpersonale Raum, der sich durch verschiedene Türen erschließt - und durch verschiedene Türen wieder verlassen werden kann.

Und:  diese Tiefe ist eine Seinsdimension, die uns immer und überall umschließt, nährt und trägt, der wir uns auf vielfältige Weise bereits in unseren alltäglichen Lebensvollzügen immer wieder zu nähern trachten, und die durch eine Vielzahl von Übungen praktisch erschlossen werden kann, wenn die entsprechende (Such-) Haltung einmal geweckt ist (ja, es geht auch um Wachheit). (vgl. Varela et al., vgl. Hayward)

2. Charakteristika beseelter Psychotherapie und Lebensführung [Skizze]

Beseelte Psychotherapie favorisiere und praktiziere ich seit ich mich überhaupt für Therapie interessiere, das heißt seit zwanzig bis dreißig Jahren, ohne es bis vor kurzem so genannt zu haben (vgl. Steinbruch II). Fallvignetten und theoretische Texte über beseelte Psychotherapie finde ich bei Dutzenden von Autoren - unter Dutzenden von Namen. 

[hier die 3 Beispiele einfügen]

Galuska, Galuska und Buch beschrieben in ihren Texten und in der Seminarreihe selbst folgende Merkmale als essenziell für die Gewinnung einer Seelenverankerung. ....

So haben auch die Teilnehmer der Seminarreihe folgende Qualitäten betont....

Wenn die Bezeichnungen also verschieden sind und sich auch wandeln - was ist das Wesen, was sind die essenziellen Merkmale der hier beschriebenen Herangehensweise? 

Das menschliche Gespräch, Kontakt, Beziehung und Bindung (wie oben erwähnt)

Weitere Dimensionen sind die Ganzheitlichkeit (Körperpsychotherapie > Pränatale PT), Reichs struktureller bzw. charakterologischer Ansatz

die Prozessorientierung mit Ausrichtung auf das Hier und Jetzt (Gestalt-Therapie, Hakomi),

Handlungslenkung durch Intuition (Cohn, Neidhöfer)

mit beidem verbunden das Innehalten, die Kontemplation (neuerdings Kabat-Zinn), die Seinsorientierung (seit E. Fromm...)

die Stärkung der rechten gegenüber der linken Gehirnhälfte, damit der Kreativität,

die Stärkung der unterdrückten weiblichen gegenüber den dominanten männlichen Kräften und Dimensionen in Psyche und Gesellschaft,

sowie ferner die Ausrichtung auf Gruppe, Gemeinschaft, Gesellschaft (R.C.Cohn, Goodman).

Zusammengefasst: Innehalten; Gegenwärtigkeit, Stille, Präsenz, Kontakt, Leib-Orientierung,

Führung aus der Intuition, Sein (Wahren von Raum und Zeit), Erspüren des Wesens des Gegenübers, Erspüren des Themas und Anliegens einer Gruppe, Inspiriertes Sprechen.. 

3. Das Nachdenken über derart beseeltes Handeln in der („integralen“) Welt

Ein derart umfassendes Projekt wie die Förderung ‚integraler Humanentwicklung' im Sinne der hier vorgelegten Betrachtungsweise könnte leicht in die Benennung trivialer, ubiquitärer Gegebenheiten hinein verflachen. Daher seien als erstes einige Markierungen gesetzt, die bezeichnen, zu welchen vorgefundenen Auffassungen oder Handlungsweisen der hier vertretene Ansatz im Kontrast steht.

Er fügt einer trocken-akademischen Darstellung der integralen Sichtweise, wie sie in den von Wilber inspirierten Kreisen (nicht von Wilber selbst) oft praktiziert wird, ein dynamisch belebendes und menschlich konkretisierendes Element hinzu, das ich für elementar halte.

Er widerspricht aufs entschiedenste der in jenen Kreisen, die sich (psychotherapeutisch, esoterisch oder wie auch immer) mit menschlicher Bewusstseinsentwicklung befassen, weit verbreiteten Neigung, eigenen Erkenntnissen und Verfahrensweisen einen Markennamen anzuheften und diese dann in Konkurrenz zu tausenden anderen auf dem Markt anzubieten - wo es doch darum ginge, den jeweiligen Beitrag der eigenen Person, Gruppe oder Schule (demütig und stolz zugleich) als eine Facette der immer wieder changierenden und dennoch in ihren Konturen als umfassend einheitsfähig erkennbaren Wahrheit zu begreifen (und dem entsprechend zu organisieren und kooperieren).

Das Nachdenken über beseeltes Handeln in der Welt, so auch über beseelte Psychotherapie, ist von einigen Widersprüchen gekennzeichnet, die ich eingangs erhellen möchte. 

Die Nützlichkeit der Auffassung von Seele, die hier vorgestellt werden soll, rührt gerade daher, dass dieses Verständnis so umfassend ist, dass praktisch jedes lehrende, helfende, begleitende Handeln, das von den Beteiligten in der Lebenswelt als „wirklich menschlich“ empfunden und oft spontan so bezeichnet wird, darunter subsummiert werden kann. „Beseelte Psychotherapie“ - das ist das ausdrückliche Anliegen der Heiligenfelder Kollegen, das ich voll und ganz teile - soll nicht der Vielzahl psychotherapeutischer Schulen eine neue hinzuzufügen, sondern soll auf bestimmte Vorgänge und Dimensionen, die erfolgreiches und befriedigendes psychotherapeutisches Handeln jeder Schulrichtung von je her ausgemacht haben, aufmerksam machen. Damit ist dieser Seelenbegriff - um so mehr, wenn er nun noch von der Psychotherapie auf andere Handlungsfelder ausgeweitet werden und die komplette menschliche Lebensführung beschreiben soll - auf der anderen Seite natürlich der Gefahr ausgesetzt, jeden Erklärungswert zu verlieren und etwas zu bezeichnen, was selbstverständlich und insofern nicht der Rede wert ist (etwa wie der Ausdruck „nasses Wasser“). Dies nun, meine ich, ist richtig und falsch zugleich. Kurz gesagt, ist beseelte Lebensführung in der Tat selbstverständlich, denn ohne Seele ist kein Leben möglich - sie ist gleichwohl dennoch der Rede wert, denn ein Leben, das sich seines Gegründetseins in der Seele bewusst ist, lebt anders als eines, das dies nicht ist. 

Dabei heißt „anders“ nicht unbedingt „leichter“, und hier kommen wir zu einem essenziellen Paradoxon des Redens über transpersonale und spirituelle Dimensionen unserer Existenz, das ich auch in meiner professionellen Biografie deutlich erfahren habe. Es lautet, in klassisch dialektischer Weise als These und Antithese formuliert, wie folgt.

These: Das transzendente, allumfassende Sein, das unserer Existenz zu Grunde liegt, lässt sich mit Bildern und Worten nicht vollständig beschreiben, und deswegen sollte man dies auch gar nicht erst tun. Über Spiritualität zu reden schafft eine „verkopfte“ Parallelwelt nach Art eines falschen Selbst, die gesundes spontanes Handeln eher behindert.

Antithese: Das transzendente, allumfassende Sein, das unserer Existenz zu Grunde liegt, lässt sich mit Bildern und Worten nicht vollständig beschreiben, und deswegen sollte man dies mit großer Sorgfalt immer wieder neu versuchen - denn eine Verortung in der spirituellen Dimension des Lebens ist für verantwortliches Handeln mancherorts unerlässlich.

4. Biographische Ableitungen

In meinem Praxiseröffnungsvortrag 2000 stelle ich lapidar fest: „In meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten...“ - inklusive einer ausgiebig selbsterfahrungsorientierten körper- psychotherapeutischen Weiterbildung* - „...habe ich den Wert der Selbstleitung kennen gelernt und es erweist sich, dass diese ein auch über Psychotherapie hinaus gültiges Lebensprinzip darstellt.“ (Berner 2000, S. 3) Damit meine ich keinen abstrakten Oberbegriff von Selbstleitung als etwas, das alle irgendwie tun, sondern schon eine bestimmte Weise der Selbstleitung, wie ich sie im Laufe meines professionellen Lebens kennen und schätzen gelernt habe. [>TZI] Diese hat sehr viel mit Intuition zu tun. 

Was heute dank der Arbeiten von Orlinsky und Ronnestad über die Entwicklungswege von Psychotherapeuten - und analog anderer Fachkräfte in hochkomplexen Handlungsfeldern - allgemein gesagt werden kann, habe ich in meinem beruflichen Werdegang selbst immer wieder beobachten können: es kommt in der Praxis immer weniger auf die deduktive Anwendung kognitiver Wissensbestände an, die systematisch gelernt werden könnten, sondern auf eine Befähigung zum richtigen Handeln ohne lange nachzudenken, die durch Modelllernen und praktische Erprobung wächst - es geht hier also (in den Worten von Buchholz) weniger um Wissen und mehr um Können. 

Ein wesentliches Kriterium für die Wahl meines Weiterbildungsganges in jener Phase vor Etablierung des Psychotherapeutengesetzes, wo wir diesbezüglich noch Wahlfreiheit genießen konnten - war denn auch der Umstand, dass hier kein Vorgehen nach Schema F, nach abstrakter Theorie gelehrt wurde, sondern nach den konkreten, lebendigen und immer wieder unvorhersehbaren menschlichen Begegnungen. 

Was machen wir denn, praktisch gesehen, wenn Klienten zu uns kommen? Wir schauen nicht, welches Medikament können wir verschreiben, wir schauen uns wahrscheinlich auch nicht von vornherein systematisch den Körper an (oder?) und auch nicht unbedingt seine komplette Lebensgeschichte (oder?) - ich würde sagen: wir nehmen Beziehung auf, bieten Beziehung an. Das heißt, Beziehungsarbeit ist aus meiner Sicht die Essenz unserer Arbeit. (Berner 2003, e-mail im Kontext einer schuleninternen AG zur Theorieentwicklung am 30.11.)

Also: Die Orientierung am Kriterium optimaler Nützlichkeit für das eigene Persönlichkeitswachstum führte mich in eine Ausbildungsrichtung, in der Gemeinschaft, Begegnung, Beziehung und Kontakt, einschließlich Körperkontakt groß geschrieben wurde. Dies half, Lebensenergie in einem Maße zu mobilisieren, welches eine mehr theoretische, philosophische ausgerichtete Tätigkeit, zu der ich ansonsten neige, nie vermocht hatte. Die Weiterbildung verminderte das Ausmaß meiner neurotischen Selbstsabotage und bot schließlich ein Wirkungsfeld, wo das zuvor nur in wenigen Urlaubsmomente angetroffene Flow-Erleben (vgl. Csikszentmihalyi) auch in Aktion kultiviert werden konnte. Ein unschätzbarer Gewinn an Lebensqualität! So also entdeckte ich „den Wert der Selbstleitung“, der Arbeit mit Intuition. 

Nachteilig war dabei zugleich, dass zwar die Therapie selbst - tiefenpsychologisch, bindungstheoretisch, pränatal-psychologisch, gruppendynamisch - theoretisch reflektiert wurde, nicht aber dieser Vorgang des Erlernens intuitiver Selbstleitung selbst. Die oben genannten Arbeiten (Buchholz, Orlinsky und Ronnestad) sind ganz neuen Datums. 

Den Csikszentmihalyi habe ich erst im vergangegen Jahr im Original zu rezipieren begonnen, Arbeiten zu Intuition schon etwas früher. Doch diese sind dünn gesät aufgrund, wie Galuska meint, einer bisher unzureichend erfolgten Definition von Intuition. Das heißt, ich wuchs wie viele KollegInnen in einer Grauzone auf, in der das, was sich als praktisch richtig und gut erwiesen hatte, für die offizielle Legitimation und Begründung unseres Handelns nicht in Worte gefasst werden konnte, und umgekehrt diese lernbaren und offen gehandelten Worte nur einen Bruchteil jenes Wissens bereitstellen konnten, das für eine zufriedenstellende und erfolgreiche Tätigkeit notwendig und nützlich war. 

Galuska ist es in meinen Augen geglückt, bestimmte jenseits von Methode und Technik liegende Vorgänge und Dimensionen, die erfolgreiches und befriedigendes psychotherapeutisches Handeln jeder Schulrichtung von je her ausgemacht haben, und von denen ich bisher immer wieder annahm, dass sie sich prinzipiell, von ihrem Wesen her, einer exakten Beschreibung entziehen würden, eingängig und klar zu benennen - und dies auf eine Weise, die zur Integration der eigenen Arbeit in Geistesgeschichte und Evolution der Menschheit beiträgt und damit sowohl zur Wahrnehmung einer inneren Verbindung mit der Arbeit anderer Kolleginnen und Kollegen als auch zur dezidierten Reflektion und weiteren Einübung dieser Qualitäten einlädt.

Ich brauche also Kontakt, brauche Gemeinschaft, um mich zu korrigieren - und verlasse mich ein bisschen zu schnodderig auf die Gemeinschaften, in die ich mich hineinbegebe, ordne mich zuwenig zuvor selbst wie den Rilkeschen Blumenstrauß. Zur Flow-Fähigkeit gehört an zentraler Stelle, wie ich jetzt durch Csikszentmihalyi erfahre, die Fähigkeit, Ordnung in sein Bewusstsein zu bringen und seine gesamte Lebensenergie auf klug bemessene, herausfordernde doch realisierbare, selbst gewählte Ziele zu bündeln. Anhand der „Fünf Prinzipien der Meditation“, wie sie Dorothea Galuska in Heiligenfeld vorstellte, kann ich differenziert Stärken und Schwächen meines bisherigen Selbstleitungsvermögens benennen:

1) "Erkenntnis"(-Streben) bringe ich wohl von Natur aus mit (Sternzeichen Skorpion...);

2) "Bewusstheit/Achtsamkeit" und "Hingabe" sind tatsächlich die Qualitäten, in denen ich mich durch meine bisherige Ausbildung und Praxis recht gut geschult fühle;

3)"Konzentration" und "Steuerung/Willenskraft" könnten gern noch weiter entwickelt und gestärkt werden.

Literatur

Galuska, Joachim (2003c). Die erwachte Seele und ihre transpersonale Struktur.  Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, II/2003, 6-17.

Galuska, Joachim (2005a). „Heute würde ich lieber davon sprechen, dass wir unsere Seele wecken.“ Ein Gespräch. Die Fragen stellte Ulla Pfluger-Heist. Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, I/2005, 85-97.

Galuska, Joachim (2005b). Auf dem Weg zu einer Psychotherapie des Bewusstseins.  In Galuska/Pietzko (2005). 17-35.

Galuska, Joachim (2006). Beseelte Psychotherapie - die transpersonale Dimension.  Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, II/2006, 64-70.

Richter, Horst Eberhard (2009). Für eine humanistische Medizin. Eröffnungsvortrag der Tagung ‚Psychotherapie und Medizin mit Geist und Seele', Bad Kissingen, 7.Mai 2009. DVD-Dokumentation durch Auditorium-Netzwerk, Müllheim.

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*„Tiefenpsychologische Körpertherapie“ an der „International Academy of Bodytherapy“ in Nijmegen unter Leitung von Hans Krens, eines genialen, exzentrischen und leider auch sehr egozentrischen Therapeuten, dessen Tätigkeit 2007 mit einer Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs ein unrühmliches Ende fand